Prüfschemata zulässige Macht


Prüfschemata: Praxisorientierung


Wichtige Projektideen im Schnelldurchlauf 19.Station „Prüfschemata anwenden“


I. VORBEMERKUNG

Pädagogische Arbeit sollte in einem fachlichen (Legitimität) und einem rechtlichen Rahmen (Legalität) geleistet werden, wobei die Legitimität Vorstufe der Legalität ist und sich pädagogische Qualitätwie folgt definiert: Pädagogik auf der Basis “fachlicher Begründbarkeit” (Legitimität) und rechtlicher Zulässigkeit (Legalität), verbunden mit bestmöglicher Wirksamkeit (prognostische Wahrscheinlichkeit des Erreichens eines pädagogischen Ziels.

Der Bereich der „fachlichen Begründbarkeit“ wird in seinen fachlichen Erziehungsgrenzen in der Pädagogischen Straße dargestellt.

Um sich der Frage zu nähern, wie sich in der Pädagogik zulässige Macht von Machtmissbrauch abgrenzt, werden nachfolgend drei Prüfschemata angeboten, die auf dem Projektprinzip der integriert fachlich- rechtlichen Problembewertung aufbauen, in der pädagogischen Praxis als „Orientierungsrahmen zulässiger Macht“ sowohl auf schwierige Situationen wie auch auf Regeln Anwendung finden. Für mittelbar verantwortliche Leitungen, Träger und Behörden (Jugendamt/ Landesjugendamt, Schulaufsicht) wird ein spezielles Prüfschema angeboten (Nr. 3).

Basis ist folgende Überlegung:

  • Ist Erziehungsverhalten pädagogisch begründbar (legitim), ist es rechtlich zulässig (legal), es sei den es widerspricht dem Willen der Sorgeberechtigten.
  • Ist Erziehungsverhalten pädagogisch nicht begründbar (illegitim), ist es rechtlich unzulässig (illegal), es sei denn die/der PädagogIn muss auf eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung des Kindes/Jugendlichen reagieren (Gefahrenabwehr).

II. DIE DREI PRÜFSCHEMATA IM EINZELNEN

1. Prüfschema zulässige Macht

Anwendungshinweise:   Prüfschema erklärt

  • Zu Frage 1/ (fachliche Begründbarkeit): Vorrangig ist festzustellen, welches Ziel verfolgt werden soll bzw. verfolgt wurde. Für dieses Ziel ist zu fragen, ob eine bestimmte Verhaltensform (prospektiv) oder eine konkrete Reaktion (retrospektiv) zur Zielverfolgung geeignet ist/ war. Werden/ wurden mehrere Ziele verfolgt, ist das Prüfschema für jedes Ziel getrennt anzuwenden.
  • Zu Frage 2 (Eingriff in Kindesrecht): Wenn wir die 1. Frage mit ja beantworten, können wir das dementsprechend fachlich legitime Handeln auf seine Rechtmäßigkeit (Legalität) überprüfen. Diese weitere Prüfung setzt einen Eingriff in ein Kindesrecht voraus. Wir wenden folglich das Prüfschema nur für Grenzsetzungen an, d.h. bei  Handeln, das notwendigerweise in ein Kindesrecht eingreift (verbale Grenzsetzungen wie Verbote oder Strafen bzw. aktive wie Wegnahme eines Gegenstandes).
  • Zu Frage 3 (Zustimmung Sorgeberechtigter): Wenn wir die 2. Frage mit ja beantworten, ist das Handeln legal („zulässige Macht“), sofern die SB- Zustimmung vorliegt. In dieser Frage ist also zu klären, ob eine Grenzsetzung mit Wissen und Wollen der Eltern/ SB durchgeführt wird/ wurde, das heißt mit deren Zustimmung? Bei vorhersehbarer Pädagogik gilt die Zustimmung mit dem Erziehungsauftrag als stillschweigend erteilt, bei unvorhersehbarer Pädagogik, insbesondere bei aktiver Grenzsetzung, bedarf es der ausdrücklichen Zustimmung, am besten anhand „fachlicher  Handlungsleitlinien“, die  Sorgeberechtigte  bei der  Aufnahme gegenzeichnen.
  • Zu Frage 4 (Gefahrenabwehr): Wenn wir die 3. Frage mit ja beantworten, ist das Handeln legitim und legal („zulässige Macht“). Fehlt die SB- Zustimmung, kann es nur unter dem Aspekt des Rechtsinstruments der „Gefahrenabwehr“ legalisiert werden, anderenfalls liegt „Machtmissbrauch“ vor.
  • Zu unterscheiden ist pädagogisches Verhalten von Maßnahmen der „Gefahrenabwehr“ bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung eines Kindes/ Jugendlichen. Letzteres schließt aber nicht aus, dass zugleich auch pädagogische Ziele verfolgt werden: die Pädagogin handelt z.B. – bedingt durch den primären Erziehungsauftrag – auch pädagogisch, wenn sie während des Festhaltens zugleich beruhigend auf das aggressive Kind einwirkt. Sie verfolgt dann nicht nur das Ziel der „Gefahrenabwehr“ (Aufsichtsverantwortung), vielmehr auch das Ziel, diese kommunikativ so einzubet- ten, dass sie das Kind nicht zu sehr verstört. Zudem ist Voraussetzung für jede  Maßnahme der „Gefahrenabwehr“, dass eine  pädagogische Beziehung besteht. Diese ist wesentlich mitbestimmend dafür, ob sich z.B. ein Kind bzw. ein/e Jugendliche/r festhalten lässt. Die vorangegangenen Beziehungserfahrungen mit der/m PädagogIn sind in der Situation der „Gefahrenabwehr“ also von großer Bedeutung.
  • Ausgeschlossen muss sein, dass – weil auch ein pädagogisches Ziel verfolgt wird – Maßnahmen der „Gefahrenabwehr“ (z.B. Postkontrolle) ausschließlich unter pädagogischen Aspekten betrachtet werden, quasi „pädagogisch importiert“. Im Gegenteil: da die rechtlichen Anforderungen der Gefahrenabwehr weiterreichen als die der fachli- chen Legitimität, müssen die rechtlichen Voraussetzungen stets geprüft werden. „Der Zweck darf nicht die Mittel heiligen“. Es könnten Kindesrechte verletzt werden. Rechtliche Voraussetzungen der „Gefahrenabwehr“ sind: erforderliche, geeignete und  verhältnismäßige Reaktion auf die Eigen- / Fremdgefährdung.

2. Prüfschema 2

3. Prüfschema 3

4. Prüfschema 4

Prüfschema 4